Normalerweise tut er sowas ja nicht…

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Man sagt ja, wenn das Leben dir Zitronen schenkt, dann fertige Limonade daraus.

Es mag gemein in den Ohren fremder Menschen klingen, wenn ich dies über meinen Hund sage.

Kalle, meine Zitrone, ist eine Bilderbuch-Bulldogge. Perfekte Proportionen, freiatmend und gesund. Ich bekam ihn mit frühen 8 Wochen und er war ein Traum. Ich hatte mich zuvor in alle Bücher von Cesar Milan eingelesen und all seine Folgen auf YouTube geschaut. Da es mein erster Hund war, wollte ich alles richtig machen. Ich wünschte mir einen gut erzogenen, entspannten Hund, einen, mit dem ich schlicht weg alles machen konnte, den nichts und niemand aus der Ruhe bringen könnte.
Ich träumte davon in Biergärten, im Sommer am Rhein zu sitzen, Kinder rennen durch die Gegend, Hunde tollen umher und mitten drin sitze ich, mit meiner super entspannten Französischen Bulldogge, die es nicht im geringsten kümmert.
Das Leben gibt dir nicht nur Zitronen, es ist auch kein Ponyhof und wir sind hier nicht bei „Wünsch dir was“.

Bis zum neunten Monat war auch alles sehr entspannt. Saß ich im Mainzer Pomp, lag er neben mir auf meiner Jacke und schlief.

Und dann kam die „Hunde-Pupertät“.

Alles gelernte hatte Kalle vergessen und wurde zum 1A-Assi. Kinder und Rentner wurden angefallen, wenn sie ihn zu lange anschauten. Angeleinte Hunde angegangen und bei jedem kleinen Geräusch gebellt. Mich selbst ging er niemals an. Er hatte von seiner körperlichen Haltung her augenscheinlich genug Respekt. Schimpfte ich, legte er sich auf den Rücken und streckte die Beine von sich, nur um eine Sekunde später wieder auf zu springen und den fremden Hund wieder mit viel Drama zu beeindrucken.

Man muss der Genauigkeit halber sagen, er biss niemals zu. Aber wenn er erst einmal warm wurde und sich in Fahrt gebracht hatte, konnte man meinen, ich hätte den gefährlichsten Kampfhund aller Zeiten.

*Anmerkung meinerseits: Kastration mag vielleicht in der Stadt notwendig sein, aber dass war das Schlimmste, was ich jemals meinem Hund angetan habe. Der blaue Bauch brach mir echt das Herz.

Natürlich konnte ich das Verhalten nicht durch gehen lassen. Mit strenger Disziplin und allen Tricks von Cesar Milan, versuchte ich der Situation her zu werden. Zu guter Letzt auch mit Kastration.*

Das Verhalten besserte sich mit der Zeit. Doch zig mal war ich auf diesem Wege kurz davor zu sagen „Ich kann nicht mehr“. Aber es gab immer einen Gedanken der mich davon abbrachte, meinen Hund ab zu geben: Du hast diesen Hund gewollt! Du hast ihn dir angeschafft, nun deal damit und bring das in Ordnung.

Natürlich ist eine Bulldogge kein Golden Retriever. Liebevoll nennt man diese Biester charakterstark. Doch reduzieren wir eine Französische Bulldogge mal auf die wesentlichen Fakten. Wann wurde die Bulldogge zu welchem Zweck gezüchtet?
  • Stammt ursprünglich aus Frankreich, aus dem Wunsch heraus eine friedlichere, kleine Bulldogge haben zu wollen, nachdem die Hundekämpfe verboten wurden.
  • In Frankreich mit Terriern gekreuzt, wurden sie als Jagt- und Meutehunde genutzt.
  • In East London züchteten Weber und Spitzenklöppler weiter an ihr herum.
  • Diese Klöppler wanderten wiederum, mit den Hunden im Gepäck, zurück nach Frankreich aus.
  • Es werden Möpse mit eingekreuzt, welchen die französische Bulldogge ihre Augen und ihren Schwanz zu verdanken haben.
  • Die Stehohren werden erst zu diesem späten Zeitpunkt, in Frankreich, hinzu gezüchtet.
  • Um 1900 kommt die Bulldogge zurück nach England.
  • Die stehenden Ohren sorgen für Spott in der Bevölkerung, sie wird eine Rasse der unteren Gesellschaftsklassen.
  • Der Ruf ändert sich, als der englische König Eduard VII einen „einen weißen Hund mit „Fledermaußohren“, Knickrute und etwas krummen Vorderläufen“ kauft.
  • 1987 erfolgte die Anerkennung durch die Fédération Cynologique Internationale (FCI)

Quelle:wikipedia.org/

Also, halten wir fest: eine Rasse, entstanden aus der ursprünglichen englischen Bulldogge dessen Aufgabe früher einmal der Bullbait war. Gekreuzt mit einem Terrier, einem Jagthund, gekreuzt mit einem Mops und mit weiß der Geier noch was. Das dieser Hund das schützen und Jagen im Blut hat, daran habe ich keinen Zweifel und auch nicht, dass es nicht immer leicht ist, so einen Hund zu erziehen. (In Foren las ich damals es sei ein guter Anfänger Hund.)Das ich diesen Hund nicht richtig im Griff habe, ist allerdings nicht darauf zurück zu führen. An diesem Punkt muss man sich einfach sagen…
ich habe wohl etwas verzockt.

Es muss nicht viel gewesen sein, was nicht beachtet worden ist. Ein paar Mal in den richtigen Augenblicken nicht „Nein“ gesagt. Ein paar Mal im richtigen Augenblick nicht korrigiert und -ganz wichtig hier in meinem Haushalt und in Bezug auf mich selbt- ein paar viele Male zu oft den Hund voll gelabert.

Ich rede einfach viel zu viel mit dem Hund und egal wie ich ihn schimpfe, weil etwas schief gelaufen ist, am Ende darf er doch wieder auf die Couch, darf er doch wieder ins Wasser, wird selbstverständlich gefüttert und getüttelt. Wenn man mich fragen würde, ob mein Hund wirklich zu 100% Leben darf wie ein Hund, so wie es gesund für einen Hund ist, müsste ich ganz ehrlich sagen: „Nein“

Meine viel zu hohen Ambitionen und Erwartungen haben nicht nur dazu geführt, dass meinem Hund jede Art von Schubsen und Zwicken zu Korrekturzwecken scheiss egal sind, sondern meine übermäßige Liebe zu dem Hund haben ihn sogar in manchen Bereichen verzogen. Er ist der Held, der aller Geilste und so benimmt er sich auch. Doch mein lieber Freund Kalle. Das hat ein Ende. In Zukunft hast du deinen festen Platz auf dem Boden. Es gibt drei verschiedene Plätze zur Auswahl. Das muss reichen. Dein Schnarchen gebe ich mir nicht im Schlafzimmer. Die Couch ist tabu und in Zukunft rede ich nicht mehr mit dir. Für dein Essen musst du dich benehmen und mir wenigstens zeigen das du brav sitzen machen kannst. Gegessen wird wenn ich es sage. Den Knochen gibt es nicht umsonst.

Klingt übertrieben? Nun ja, wenn ich in Frankreich, im Urlaub, auf einem Campingplatz, meine Zeit damit verschwende darauf zu achten was Kalle macht, dann bin ich 24 Stunden am Tag mit dem Hund beschäftigt und Null Stunden mit Entspannung. Wenn jemand vorbei läuft macht er Wallung, ist ja sein Revier, wenn ihn jemand anspricht tickt er aus. Wenn Kinder umher rennen, will er sie beißen und wenn andere Hunde kommen ist er echt nicht mehr zu retten. Und was ist wenn ich mal ein Kind haben möchte? Über was muss ich mir dann sorgen machen. Ich denke sinnvoll wieder Disziplin zu erlernen, gilt in aller erster Linie für mich selbst, nicht für den Hund. Denn dadurch das ich „Disziplin“ nicht sinnvoll genutzt und eingesetzt habe, ist mein Hund eine kleine Rotzgöre, welche mir wenig Lust macht sie egal wo mit hin zu nehmen. Und das wird nun geändert. Aus Kalle mach ich jetzt Limonade.